Krisenzeiten

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Verrückt, aber wahr. Analog zu fotografieren bedeutet für mich Weite, durchatmen und pausieren. Platz schaffen in all dem immer schneller werdenden Lebensrhythmus und der Kurzlebigkeit. Das Gefühl der Zeitlosigkeit ist ein Luxus geworden.

Das Leben als Künstlerin ist ein auf und ab und ich bin noch weit davon entfernt sagen zu können, dass ich davon leben kann. Wie wahrscheinlich etliche andere Künstler in Berlin und auf der ganzen Welt. Jeder kämpft ohne die Sicherheit zu haben, dass die Situation irgendwann besser sein wird. Wer nicht optimistisch bleibt, geht unter. Wer als Künstler kein Geschäftsmann ist, geht unter. Die Kunst allein bringt einen schon lange nicht mehr weiter. Man muss sich selbst vermarkten, obwohl man doch eigentlich nichts sehnlicher möchte als einfach zu produzieren, Hand anzulegen und sich selbst zu vergessen, getrieben vom Tun, vom Arbeiten, vom Experimentieren. Ist es nicht normal, dass man an dem arbeitet, was zu tun ist, anstatt hinter Kontakten her rennen zu müssen?

Gestein

Alles braucht seine Zeit. Ohne Geduld kommt man nicht weit. Wenn es heute nicht geklappt hat, in einem Monat nicht, in einem Jahr nicht, wenn eine Idee fehlt, die Umsetzung nicht will, die Kreativität gefangen ist im Zwang des Kapitalismus, so rappelt man sich trotzdem täglich wieder auf mit dem Glauben, dass es irgendwann bergauf geht. Und das geht es. Davon bin ich überzeugt.

Die große Frage bleibt: Wo passe ich rein? Wer alles ansatzweise gelernt hat, sich nicht nur auf ein Ziel konzentrierte, wer mehrere Ausbildungen hinter sich hat, wer interessiert an ganz unterschiedlichen Dingen ist, manchmal hin- und hergerissen davon, wo zuerst anzufangen, wer Autodidakt ist, kennt sicher das Gefühl: In gewisser Weise ein Außenseiter zu sein. Irgendwie fühlt man sich anders, suchend, nicht ankommend. Man will „normal“ sein und will es doch nicht. Man will gegen den Strom schwimmen und schafft es allein nicht.

In letzter Zeit denke ich über vieles nach, möchte meine Arbeit konkreter definieren, vorwärts gehen, Handfestes haben und scheitere immer wieder daran, zu viel auf einmal zu wollen. Ich drehe mich im Kreis. Der Kopf zu voll und gleichzeitig zu leer, das Ziel vor Augen verschwimmt und die Tiefe fehlt. Es gibt immer wieder die Tage, an denen man nicht zur Ruhe kommt, vieles tut, jedoch ohne Ergebnisse. Seine Rolle, in die man sich schon zu fest verfangen hat, zu verlassen und wieder beweglich zu werden, wird schwerer. Wenn ich in diesen Momenten zur Kamera greife, den Film einlege und mit offenen Augen durch die Straßen laufe, ist es wie ein Erwachen. Für einen Augenblick. Finde ich eine Inspiration, bleibt dieser Augenblick länger erhalten und Neues kann entstehen. Der erste Schritt ist getan, sich selbst aus seinem Trübsinn wieder herauszumanövrieren. Im Nachhinein stelle ich immer wieder fest, wie die besten Arbeiten aus den größten Krisen entstanden sind.

fotografien © anette siegelwachs

19 Antworten

  1. Avatar von Viola
    Viola

    Ich kann so einiges davon total gut nachvollziehen, auch wenn ich mich noch immer zu neu in der Fotografie fühle und mich nur ungern als Künstler bezeichnen würde. Manchmal denke ich, dass es mich in vielerlei Hinsicht freier sein läßt, dass eben nur ein Hobby neben meinem so ganz anders ausgelegten Vollzeitjob ist und ich mir keine Gedanken darüber machen muss, ob und wie ich davon leben könnte. Und an anderen Tagen macht es den Berufsalltag schwer erträglich, weil ich viel lieber mit der Kamera durch die Welt laufen und mit Bilder experimentieren will. Ab und zu kommen mir dann Projekte in den Sinn, eine neue Website für ein richtiges Portfolio, Drucke oder eben auch endlich noch ein paar Fotobücher zu bestimmten Themen und dann geht es mir in etwa so wie Du es oben beschreibst – der Kopf ist total voll und gleichzeitig leer, so dass ich mir nichts wirklich weiterkomme.

    Was mich auch immer wieder irritiert ist wenn ich dann so von jungen Fotografen lese, Mittzwanzinger, die um die Welt reisen, Fotos machen und jetzt mal eben so Künstler sind. Da frage ich mich immer nur, wie die sowas eigentlich finanzieren.

    Vielleicht entstehen die bestern Arbeiten in Krisenzeiten, weil wir dann emotionaler sind, weniger kopfgesteuert, das sieht man vermutlich in den Bildern. Das funktioniert aber eben auch nur, wenn es zwischen den Krisen auch wieder gute Zeiten gibt. Ich drücke Dir ganz fest die Daumen und wünsche Dir alles Gute auf Deinem weiteren Weg. Irgendwann fügen sie die Teile des Puzzles bestimmt zu einem Ganzen.

    1. Avatar von anette
      anette

      Danke, Viola!! Ich habe Jahre gebraucht um offen zu sagen, dass ich Künstlerin bin und noch immer fällt es mir manchmal schwer mich als solche zu beschreiben. Sei es wegen dem eigenen Bild, wie ich Künstler mit einer langen Liste von Ausstellungen und Preisen verbinde und deren jahrzehntelange Erfahrung oder aufgrund der Schwierigkeit zu dem zu stehen, was ich selbst künstlerisch umsetze … Ist es wirklich bedeutend (genug)? Ist es professionell genug? Und genau diese Zweifel bremsen. Alles ist ein Prozess und mit jedem Projekt lernt man dazu. Letzten Endes bleiben immer viele Fragen, wenige Antworten. Dieses hin und her gerissen sein zwischen Unabhängigkeit, Sicherheit und kreativem Erfolg taucht immer wieder auf. Gefährlich wird es, wenn man in schlechten Zeiten beginnt zu vergleichen. Das kann oft sehr ernüchternd und deprimierend sein. Auf der anderen Seite spornt es wieder enorm an endlich zu finden, wonach man künstlerisch sucht. „Jetzt erst recht“ weiter zu machen.

      Junge Fotografen die um die Welt reisen und davon leben können haben sicher Sponsoren oder arbeiten während dem Reisen. Es gibt die Möglichkeit z.B eine Marke zu präsentieren sei es das Fotoequipment oder die Reiseausstattung, oder mit einer Zeitung unter Vertrag zu stehen, die die Bilder im Nachhinein kaufen … manche verdienen auch über den Blog. Aber die Entwicklung ist sicher so, dass man immer schneller ein Künstler werden kann. Die Frage ist nur, ob man sich langfristig damit über Wasser halten kann oder nicht. Ich selbst würde mich auch eher als „Jungkünstler“ beschreiben, der noch in der experimentellen Phase steckt.

      Viola, vielen Dank für deinen Kommentar und das Daumendrücken! Auch ich wünsche dir alles Gute für deine inspirierenden Projekte! Mir geht es ganz genauso wie dir mit den Überlegungen ein richtiges Online-Portfolio zu machen, Fotobücher selbst zu erstellen, mit Drucken zu experimentieren … aber alles Schritt für Schritt ;)

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