Stillstand & Kreativität

Das Gefühl einer Ohnmacht breitete sich aus. Schwere, Traurigkeit. Vorgestern war ein schwieriger Tag. Ich kenne diese Tage, die manchmal nach besonders viel Engagement, Hoffnung und Glück auf einen warten und den Stecker ziehen. Puff. Die grauen Novembertage, die schwer auf die Brust drücken, wenn sich das Sonnenlicht zu lange versteckt hält. Sie gehören dazu, diese Tage. Vielleicht sind es Nachdenktage, Ruhetage, die mich so vieles auf einmal fühlen lassen. Erstarrt. So griff ich zum Cutter, holte die Unterlage hervor, einen Streifen Negative und begann zu schneiden. Der Cutter war nicht mehr scharf. Schiefe, fransige Schnitte entstanden. Mir fehlte die Lupe. Ich konnte nur schwer erkennen, welche Linien ich durchtrennte. Das Licht reflektierte auf der glänzenden Oberfläche der Negative, was es beinahe unmöglich machte, etwas zu sehen. Trotzdem schnitt ich unbeirrt weiter. Jede Anstrengung glich dem eines tiefen befreienden Atemzugs.

Es ist das Tun, das mir hilft, mich wieder leichter und lebendiger zu fühlen. Zu mir zurückzufinden, wenn die Last der Welt für einen Moment zu groß geworden ist. Seelenschmerz. Weltschmerz. Sorgen einer Mutter. Es gibt unendlich viele Begriffe dafür. Ich nenne es ganz einfach Zeit, um kreativ zu werden.

Die Zerstörung siegte gegen die Schönheit. Die Negative waren hin und doch wollte ich mehr. Ich borgte mir eine Lupe – mit Licht! – und begann erneut.

Am Boden und in der Schublade warteten weitere Berge an Filmstreifen auf mich. Das beruhigte mich. Ich hatte Raum zum Experimentieren. Zum Kratzen, Fühlen, Befreien.

Bei einem Motiv kam dann die Idee: Zwei Negative miteinander verbinden, aber nur eins war ich bereit zu schneiden. So scannte ich sie einzeln und legte sie digital übereinander. Ich hatte das Gefühl auf dem richtigen Weg zu sein.

Ich probierte weiter …. Die weißen Stellen gefielen mir nicht, die Kratzer waren zu viel, das Waldbild passte nicht. Erneut scannte ich. Jedes einzelne ausgeschnittene Teil, um es danach wieder zusammenzufügen. Bei den „Flügeln“ fehlte mir die Schärfe. Ihre Größe und Form erschwerten das Scannen und ich muss hier noch einen besseren Weg finden. Malerei, kam mir in den Sinn. Nostalgie. Bewegung. Versteckt oder offen legen.

Wenn ich an etwas arbeite und mir neue Bilder kommen, ist es ein gutes Zeichen. Schwierig wird es, wenn nichts kommt. Keine Idee, keine Inspiration, gähnend leere Eintönigkeit. Stillstand.

An diesem Tag kam nach dem Stillstand die Kreativität, durch Bewegung. Vielleicht reichte es mir deshalb nicht, nur Bilder zu machen. Ich wollte auch eine kleine Animation. Es ist faszinierend, was man aus einem einfachen Bild alles herausholen kann. Ein großer Verlust für mich ist allerdings, dass durch den Scan die Dreidimensionalität der Flügel, die beim Negativ zu sehen war, verloren gegangen ist. Hier muss ich, wie beim Scannen auch, noch eine Lösung finden …

Den fliegenden Brunnen kann ich jedoch, nach zwei Tagen rumfeilen, nicht mehr sehen. Ich widme mich dem nächsten Negativ. So lasse ich ihn tief und ruhig atmend davonfliegen…


2 Antworten

  1. Avatar von Klausbernd
    Klausbernd

    Hi Anette
    We like your experiment 👍 Es ist etwas Neues, das wir zumindest nicht zuvor gesehen haben.
    Happy weekend
    The Fab Four of Cley
    :-) :-) :-) :-)

    1. Avatar von Anette Siegelwachs
      Anette Siegelwachs

      Das freut mich zu hören, Klausbernd. Danke für deine Worte und ein schönes Wochenende euch auch!

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