Kategorie: Prosa

Kurze Geschichten zum Lesen


  • Ein Dialog

    Schweigend sitzen sie da, zwei Freunde aus der Schulzeit, die sich fremd geworden sind. Jeden Freitagnachmittag fahren sie mit dem Motorrad den Hügel hinauf, raus aus der Kleinstadt, bis zum Waldrand, und blicken hinunter in ihre Heimat. Und, wie läuft´s? Gut. Sebastián blickt über die Weite der Einöde, ausgetrocknet und karg liegt sie vor ihm…

  • Zuhause

    Wie ein Dampfer bahnt sich das kleine Papierschiff den Weg durch die Weite der Strömung. Ein Dampfer so leicht wie die Wellen selbst. Sie tanzen unter der Sonne und brechen am Ufer. Ich bin allein, blicke auf den Fluss, die Fische, das Papierschiff, beobachte, wie es langsam davon segelt. Mein Rücken lehnt an einem Baum,…

  • Der Brunnen

    Vorsichtig taste ich die Wand ab. Nur langsam komme ich vorwärts. Meine Füße sind kalt und die Zehen krallen sich fest an die rutschigen Steine. Ich fühle mich wie ein lauernder Tiger, bereit zum Sprung, sobald der erste Lichtstrahl den Weg erhellt. Es tropft. Regelmäßig tropft es von der Decke und ich höre den Aufschlag…

  • Guten Morgen, Nachbarn!

    Schweigsam eröffnete sie ihre wohlgeordnete Abendmahlzeit am winzigen Esstisch mit einem Schluck Wasser im Sektglas, der kaum für zwei Teller und Besteck ausreichend Platz schaffte. Mit jedem Messerschnitt, jedem Aufspießen einer Spirelli, neigte sich der Tisch leicht zur Seite und zitterte. Ramona schnitt weiter das Stück Hähnchenfilet, spießte weiter die Nudeln mit Tomatensauce und unzähligen…

  • Zimmer 12

    Aus weiter Ferne höre ich noch zwei Schläge, ein Klatschen. Leises Knacken, ehe ich zu Boden falle. Nicht ich, nein, nicht ich. Ich verstumme, wie die Kirchenglocke wenige Häuser entfernt. Rauschen, ein leises Pfeifen. Schrill. Ein hoher Ton, den ich bedingungslos über mich ergehen lasse, verdrängt die Stille. Er geht wieder weg. Es geht wieder weg.…

  • Arbeitssuche

    Ganz plötzlich. Unerwartet. Sie ist einfach da. Blockiert. Lähmt. Macht mich zu einer Marionette ohne Fäden. Wie ein Knäuel zusammengekauert. Bewegungslos. Das Bein unter dem Arm, die Hand über dem Kopf, das Knie im Gesicht. Embryonalstellung. Gedankensperre. Ich drehe die Musik lauter, konzentriere mich auf den Rhythmus, der mir für gewöhnlich das Herz höher schlagen…

  • Dialog

    Glaubst du nicht auch, dass der spinnt? Weiß nicht, vielleicht, aber meinst du nicht, dass er gerade einfach nur durch den Wind ist? Wegen seiner Frau? Und seinen Kindern. Vielleicht. Ich wäre auf jeden Fall verrückt geworden. Ich auch. Sag mal, was hat die Frau eigentlich im Schuppen zu suchen gehabt? Ihren Kleinsten, der sich…

  • Ein Dialog

    Grübeln ist nicht immer gut, weißt du? Warum? Man denkt zu viel. Und das ist schlecht? Ja. Man denkt so viel mehr als nötig wäre. Meinst du, man denkt sich Probleme? Ja. Verstehe. Weißt du, ich grüble nicht so viel. Manchmal vielleicht. Ich schon. Und das macht schlechte Laune. Ach ja? Ich hab auch so…

  • Ehe

    Immer wieder gleiten Flavias Fingerspitzen über die Fotografien, zeichnen die Gesichter nach, die ihr aus der Vergangenheit zulächeln. Ein junges Mädchen, springende, kurze Locken, in einem rot-weiß gepunkteten Sommerkleid. Neben ihr ein Junge, der die Bitte des Fotografen, den Arm „um die Kleine“ zu legen, zögerlich nachgeht. Er ist einen Kopf größer als die junge…

  • Svenja

    Schritt für Schritt lief die junge Frau über den Hügel am Rande der Stadt. Eine Gruppe von Menschen hinter ihr her. Zu dicht, zu viele. Männer und Frauen. Ey, Svenja! Svenja! Svenjiskalein! Messerblitze, leuchtende Augen auf scharf gestellt. HD-Augen, wie ihr Bruder es immer zu sagen gepflegt hatte. Mikael. Wo bist du? Ihre Füße spürten…