Grünes Haar, gelbe Nasenspitze und rote Lippen umrahmt von einem zarten Blau. Es ist das Gesicht einer Fee auf Leas Kissen, in das ich blicke. Stolz drückte sie mir ihre Zeichnung in die Hand. Ein großer viereckiger, etwas wackeliger Kasten umgibt die Fee, den sie mit einer dicken schwarzen Kreide gemalt hat. Lea ist fünf Jahre alt und mein Babysitterkind. Jeden Freitagabend bringen ihre Eltern sie zu mir und geben sich einer rauschenden Alkoholnacht hin.
Am späten Vormittag holen sie Lea wieder ab. Sie wird schweigsam und schaut mir mit großen Augen hinterher, als sie im Auto davonbrausen. Dann gehe ich zurück in die Wohnung im sechsten Stock und öffne das Fenster, setze mich auf das Fensterbrett und schaue auf die vorbeiziehenden Autos und Menschen.
Lea hat zwei geflochtene Zöpfe, hellrotes Haar und auf ihrer kleinen Stupsnase sammeln sich wenige Sommersprossen. Genau elf Stück. Wir haben sie einmal zusammen gezählt. Sie ist immer etwas unbeholfen und still, wenn sie zu mir kommt. Nach ein paar Minuten fängt sie an zu reden. Es ist jede Woche der gleiche Ablauf, seit einem halben Jahr. Ich lege ihr Stifte und Papier auf den Tisch, schalte das Radio ein und male ein Haus. Ich denke, mein Malstil ist alles andere als gut, aber es macht Spaß. Es befreit mich. Lea auch. Erst schaut sie meinen Linien hinterher, dann nimmt sie sich vorsichtig einen Stift, meistens den orangenen, und malt auch ein Haus. Dann malt sie eine Sonne und Blumen. Sie liebt Blumen. Ich male immer ein Haus. Mal groß, mal klein, mal auf einem Berg, mal auf dem Wasser schwimmend. Die Farbe schwarz verwendet Lea selten. Die Nacht malt sie pink, nur der Schornsteinfeger muss schwarz bleiben, sonst wäre er ja ein Maler oder Bäcker oder Eisverkäufer. Den Schornsteinfeger darf ich malen.
Leas Eltern bringen jedes Mal ein kleines aufblasbares Bett mit, das ich noch nie verwendet habe. Sie schläft in meinen Armen ein, wenn ich ihr etwas vorlese. Dann schalte ich die kleine Nachttischlampe aus und schließe die Augen. Ruhig atmet sie auf meiner Brust. Sie schläft meistens schlecht und fängt an, leise zu weinen. Manchmal macht sie ins Bett. Ich lege jeden Freitag einen Schutz unter mein Bettlaken und lege ein gelbes Kissen für sie hin. Lea liebt die Farbe Gelb. Gelb ist für sie die Sonne, die immer lacht und das Kissen, in dem eine Fee wohnt. Die Fee aus meinem Rucksack, der schon so viel in der Welt herumgereist ist. Sie hat sich irgendwo in ihm versteckt und ist mit mir in die Wohnung gezogen und erzählt Geschichten von blauen Pferden und rosanen Krokodilen, die Erdbeeren lieben. Lea liebt auch Erdbeeren und wäre gerne rosa. Und dann würde sie gerne wie ein Luftballon davon schweben. Ich sollte gelb sein. Und die ganze Zeit lachen. Unsere Bänder wären zusammengeknotet, damit kein Wind uns auseinander blasen könnte. Dann würden wir neben dem rosanen Krokodil landen und zusammen Erdbeeren essen.
Ich hatte die Bilder von Lea gesammelt und mit Bändern zusammengebunden, um es ihren Eltern zu schenken. Lea hat mir erzählt, sie haben es mit den alten Zeitungen weggeschmissen. Das hat mich sehr traurig gemacht. Lea meinte nur, sie könne doch neue und viel schönere Bilder malen. Jetzt habe ich schon eine kleine Mappe beisammen. Es soll ein dickes Buch werden. Ich werde zu einem Buchbinder gehen und die Worte auf den Umschlag „Für Lea, meine kleine Fee in Rosa“ drucken lassen. Sie wird bald sechs Jahre alt.

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