
Still. Stille. Still sein.
Pssst.
Ich weiß.
Nur zwei Reihen weiter sitzt sie. Die Beine übereinander geschlungen. Ineinander verschmolzen. Sanft und kaum merklich ein Wippen der Füße. Barfuß. Ihr Kleid gleicht einem Nachthemd. Ein Stoff, so zart, als wäre er nicht. Existiere nicht.
Es ist spät geworden und nur das Licht der Straßenlaterne erleuchtet durch die Fenster den Raum, der zum Bersten mit Menschen gefüllt ist. Schweigsamen Menschen. In solchen Momenten der erdrückenden Stille verspüre ich den Drang zu lachen, zu schreien, alles Erdenkliche zu tun, nur nicht zu schweigen. Doch sobald ich vor mich hin flüstere, zaghaft, kaum hörbar, wird es beinahe hasserfüllt unterbunden. Ich schweige und blähe mich langsam auf wie ein Luftballon, der dem Zerplatzen immer näher kommt. Ich blähe mich auf und schweige. Schweige und blähe mich auf. Zähle die kleinen Mosaiksteine unter mir, von denen etliche zerbrochen sind. Ich zähle die zerbrochenen Teile, die abgesplitterten Farbstücke, die toten Fliegen, von denen zu viele ihren letzten Flug des Lebens hinter sich haben.
Ist das nicht
Pssst
Anstatt meines Atems höre ich den meines Nachbarn, an den ich mich unfreiwillig anpasse. Zu schnell. Er ist zu schnell. Ein unangenehmes Stechen unter meiner linken Rippe breitet sich aus. Ich kann nicht anders, als weiterzuhecheln.
Pssst
Ich weiß nicht, worauf wir warten. Mich interessiert es gar nicht mehr. Vielleicht habe ich es vergessen. Meine Augen schweifen durch den Raum, ohne dass ich den Kopf bewege. Wie zwei Fühler, die sich durch die Menge tasten, suchend, nach jemanden wie mich. Dann ziehe ich sie zurück. Das Schweigen drückt mir auf die Lider und ich blinzle. Unaufhörlich. Ich kann nicht anders. Vielleicht versuche ich, meinen Motor wieder anzustellen. In Gang zu bringen. Etwas Lebendiges zu fühlen in all der Starrheit der Gesichter. Keiner blinzelt zurück. Wie auch. Lauter Puppen. Alle sind Puppen. Und ich mitten unter ihnen.
Pssst
Was?
Eine erinnert mich daran, still zu sein. Mehr kann sie nicht. Sie sitzt links von mir. Rechts der Schnellhechler. Wofür das gut sein soll, frage ich mich. Bei mir verursacht er Seitenstechen. Mehr nicht. Vor mir blondes Haar. Ein Wall von Haar. Ein gigantischer Haarwuchs, der sich sogar auf die Schultern der daneben sitzenden Puppenkollegen ausbreitet. Ein flauschiger, haariger und zu allen Seiten wuchernder Teppich. Er stoppt noch vor meinen Füßen. Als ich genauer hinsehe, entdecke ich Staub, tote Fliegen und sogar kleine getrocknete Blüten. Dunkelrot. Die Blätter haben ihr einst knalliges Grün in einen grüngräulichen Ton gewandelt. Vergangen. Verwelkt.

Mein Blick bleibt erneut bei der im Nachthemd sitzenden Frau hängen. Bei ihren Füßen. Eine Bewegung, die nicht aufzuhören scheint. So vage, dass all die anderen um sie herum es offenbar nicht bemerken. Nur ich. Zwei Reihen entfernt. Dann hört sie auf. Ganz plötzlich. Der abrupte Stillstand schnürt mir die Luft ab. Wie alles hier im Raum. Ich hechle erneut.
Pssst
Und ich beginne zu wippen. Ganz langsam. Dann immer schneller. Wilder. Der Stuhl beginnt zu knarzen. Meine Beine beginnen zu knarzen. Alles scheint wie angerostet zu sein. Ich wippe und wippe doch nicht. Ich bewege und bewege mich doch nicht. Vielleicht sind es die anderen?
Pssst
Nein, es bin ich. Nur ich. Nur ich.
AAAAAAAH!

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